15.11.2026 um 15:00 Uhr: Herzliche Einladung zur Premiere der Literaturperformance „Carmen oder Bin ich das Arschloch der Achtziger Jahre“ mit Arash Marandi
Herzliche Einladung
Literaturperformance
Moderation: Britta Gansebohm
Ort: Künstlerhof Schreyahn, Rundling 19, 29462 Wustrow
Kulturbeitrag: 10 Euro / ermäßigt 5 Euro
Wir freuen uns über Platzreservierungen unter info@salonkultur.de
- Parkplätze werden direkt nebenan auf dem Hof der Familie Oelke zur Verfügung gestellt. Bitte nicht im Rundling auf Rasenflächen parken.
- Getränke, Kaffee, Kuchen und Brot auf Spendenbasis
- Der Künstlerhof Schreyahn ist barrierefrei
- Büchertisch: Buch und Musik, Doris Haase-Mohrmann, Hitzacker
„Es mag sein, dass von der deutschen Dichtung der siebziger Jahre nicht viel bleiben wird. Die Gedichte dieses Autors werden bleiben.“
Marcel Reich-Ranicki
Es gibt nicht viele Äußerungen von Wolf Wondratschek zu seinen Gedichten, weil er der Ansicht ist, dass Poesie eines Kommentars nicht bedarf. Ein Beispiel sei zitiert: „Poesie ist fast nichts, aber das total!“. Seine Gedichte waren von Beginn an populär, weshalb man sie leichtfertig als „Poplyrik“ klassifizierte. Sie erzielten hohe Auflagen. Einmal fiel ihm eine junge Frau auf einem Flughafen um den Hals und zeigte ihm ihre Tätowierung: den ISBN-Code seines Gedichtbandes „Carmen oder Bin ich das Arschloch der achtziger Jahre“.
Es gab keine Worte.
Ich redete nicht. Ich ging.
Ich haute die Absätze meiner Stiefel auf die Straße wie Beethoven seine Schlussakkorde.
Zeilen wie diese sackten eine nach der anderen in ihn ein, als Arash Marandi 2009 von seinem Sprecherzieher in der Hochschule für Musik und Theater Hamburg Wolf Wondratscheks Carmen-Gedicht in die Hand gedrückt bekommt.
Weshalb übt dieses Gedicht nahezu zwei Jahrzehnte eine solche Anziehung auf Marandi aus?
Wondratschek wird als Kriegskind 1943 in Rudolstadt geboren und wächst in Karlsruhe auf, wo amerikanische GIs die Jugendkultur prägen und die Musik in die Stadt bringen. Das Schweigen spielt in diesem wortgewaltigen Poem eine wiederkehrende Rolle, das Schweigen der Eltern über das Geschehene, aber auch der stille Schrei in einem selbst, der sich einen Weg nach draußen bahnen will.
Der Poet, der in den Nächten lebt und diesen Klang in seine Zeilen webt macht Marandi süchtig nach der melodischen Sprache sowie den von Wondratschek erzeugten Bildern und gestellten Fragen.
Einundvierzig Jahre nach Wondratschek wird Marandi 1984 in Teheran während des ersten Golfkrieges geboren und zieht mit seiner Familie als Kleinkind ins mittelhessische Gießen, ebenfalls von amerikanischen Truppen besiedelt, deren Clubs die Kultur und Musik prägen.
Im eigentlich humorvollen elterlichen Haushalt hängt oft eine Schwere in der Luft. Eine verlorene Heimat und unverarbeitete Verluste. Aus dieser komplexen Schwingung heraus empfindet Marandi bereits als Kind Freude an der Nachahmung und findet in der deutschen Sprache einen großen Halt. Neben der kindlichen Fantasie eines deutschen Dorflebens wird Kommunikationsfähigkeit zum wichtigsten Instrument hier anzukommen. Das Film- und Fernsehprogramm der Achtziger Jahre schaffen das Übrige. Das Charisma der damaligen Größen wie Juhnke, Loriot, Hamann, Berben und Kinski springen durch die Mattscheibe auf ihn über.
Die bildgewaltige Sprache Wondratscheks weckt Erinnerungen an seine eigene Jugend in einer Stadt mit amerikanischen Kasernen, dem Wunsch sich von dieser Kultur überrollen zu lassen, wie es bei Wondratschek steht.
Vor allem ist es aber die Beschreibung Carmens und die Begegnung des Erzählers mit ihr. Der damals junge Schauspielschüler Arash Marandi identifiziert sich während der intensiven Textarbeit sowohl mit der beschrieben Frau als auch mit dem Erzähler dieser Zeilen.
Wie Marandi es Wondratschek entlehnt, sind manche Gefühle so alt, wie die Flüsse, als sie noch keine Ufer hatten und sie kommen von sehr weit her. Sie hallen über lange Strecken nach, als hätte sie jemand mit einem Tonkrug eingefangen und wäre damit durch Wüsten geritten.
Für Arash Marandi war es auch die Sehnsucht, ein Deutschland zu verstehen, das es vor seiner Geburt gegeben hat. Damals, als Fotos auf Film geschossen wurden, man in Krankenhäusern Gips trug und dabei rauchte, die Männer Helmut, Willy oder Ulrich hießen. Das Deutschland, in das sein Vater 1977 einen kurzen Abstecher machte, um in München, Wondratscheks späterer Stadt, Maschinenbau zu studieren, für ein Jahr, noch vor der Revolution im Iran.
„Ich suchte die Verbindung zu meiner eigenen Vergangenheit, versuchte meinen Arm durch die Zeit zurückzustecken und einen Fetzen dessen zu ergattern, der mir die Welt erklärte.“ Arash Marandi
All das und das Gedenken an seinen Sprecherzieher machen dieses Gedicht für ihn zu einer sinnlichen Vergegenwärtigung erinnerungswürdiger Lebensmomente.
Arash Marandi lernte Wolf Wondratschek durch die Vermittlung von Britta Gansebohm am 30. August 2018 persönlich kennen. Es gab ein Fest anlässlich des 75. Geburtstages des Dichters im Literaturhaus Berlin. Nachdem Arash Marandi zur späten Stunde des Offenen Mikrofons für Wondratschek spontan aus dem Kopf 15 Minuten lang aus „Carmen“ rezitierte, kam der Dichter auf die Bühne und umarmte den Schauspieler mit den Worten, das sei das schönste Geburtstagsgeschenk gewesen, das er sich je hätte vorstellen können.
Wolf Wondratschek, geboren 1943 in Rudolstadt, der als einer der wenigen deutschsprachigen „Rock-Poeten“ gilt, verweigerte sich seit seinen literarischen Anfängen weitgehend dem Literaturbetrieb. Wondratschek verkaufte einen Roman, Gedichte, Collagen und typografische Arbeiten an Literatur-Liebhaber, einige dieser nicht zur Veröffentlichung bestimmten Stücke in Privatbesitz wurden Anfang 2015 in Berlin in einer Ausstellung gezeigt.
Das epische Lang-Gedicht „Carmen“ war im Privatbesitz des Filmproduzenten, Drehbuchautors und Filmregisseurs Bernd Eichinger. Es wird allgemein als Klage einer Frau über die Schwäche der Männer verstanden. Wondratscheks „Carmen“ ist allerdings eher eine Auseinandersetzung mit dem Begriff „Männlichkeit“, der oft fälschlich als „Machismo“ missverstanden wurde, sich aber tatsächlich mit existenzieller Einsamkeit und unglücklicher Liebe befasst. „Carmen“ (geschrieben 1983, erschienen 1986) baut direkt auf dem Zyklus „Die Einsamkeit der Männer“ auf, ein Motiv, das sich durch das gesamte Werk von Wolf Wondratschek zieht.
Wondratschecks „Carmen“ avancierte zu einem Kultwerk der 1980er Jahre. Die emotionale Wucht des Textes führte zu einer musikalischen Adaption durch Detlev Glanert (Drei Gesänge aus „Carmen“) und einer literarischen Hommage in Helmut Dietls Film „Rossini oder die mörderische Frage, wer mit wem schlief“.
Das Gedicht ist kein rein zeitgebundenes Dokument, sondern nutzt die 80er als Zeitbühne, um zeitlose Themen wie Liebe, Eifersucht und den „Kampf der Geschlechter“ zu verhandeln. Die 80er liefern den Rahmen: eine Ära des Konsums, in der emotionale Authentizität zum radikalen Akt wird.

Arash Marandi, geboren 1984 in Teheran / Iran, kam mit seinen Eltern 1987 nach Deutschland, wuchs in Gießen auf und absolvierte 2011 sein Schauspielstudium an der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg.
Hamburg, das Tor zur Welt, wird auch für Arash Marandi zum Sprungbrett in den Schauspielerberuf. Es folgen Engagements am Deutschen Schauspielhaus Hamburg, Kampnagel und weiteren deutschen Bühnen. Durch seine Muttersprache Farsi kommt er mit nationalen und internationalen Künstlern iranischer Herkunft in Kontakt und wirkt so in einigen persisch-sprachigen Kultfilmen der jüngeren Zeit mit. Einige bekanntere davon sind „A Girl Walks Home Alone At Night“ (2014 Sundance Festival), sowie „Teheran Tabu“ (2017, Cannes Film Festival).
Auch im deutschen Fernsehen trat er in Erscheinung wie beispielsweise im Norddeutschen Tatort als Assistenzkommissar an der Seite von Wotan Wilke Möhring.
Arash Marandi lebt heute als Schauspieler, Hörbuchsprecher und Fotograf in Berlin.
Kontakt:
Britta Gansebohm
Künstlerische Leitung der Stipendiatenstätte Künstlerhof Schreyahn
& Der Literarische Salon
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