„Kunstlerhof Schreyahn“– eine Welt in der Welt

„Künstlerhof Schreyahn“– eine Welt in der Welt
Ein Porträt der Stipendiatenstätte im Wendland
Von Axel Kahrs

 

Blickwinkel 360 Grad

Wer durch die schmale Einfahrt ins Rundlingsdorf Schreyahn im Hannoverschen Wendland gelangt, muss sich erst einmal orientieren. Der kreisrunde Dorfplatz mit seinen 360 Grad ist nichts für Handykameras, man kann sich nur mit eigenen Augen und einer vollen Körperdrehung ein komplettes Bild machen von dieser geschlossenen Miniaturwelt im abgeschiedenen Winkel.

Knorrige Eichen mit einer Milchbank darunter bilden den Mittelpunkt, von ihm ausgehend führen Wege zu den einheitlich gestalteten Fachwerkhäusern, allesamt mit dem Giebel zur Mitte weisend, zwischen ihnen Obstgärten, in denen Katzen streunen, die den Dorfhunden die Herrschaft auf dem Platz überlassen. Ein Storchennest zieht die Blicke der Gäste auf sich, fast stört das leise Tuckern eines Traktors, auf der Schaukel schwingen sich die Mädchen des Dorfes in luftige Höhen, nebenan bolzen die Jungen um den Fussball – eine Bilderbuchszene, die scheinbar nichts weiß von der Zonengrenzlage, von Landwirtschaftskrisen, Häuserleerstand, Arbeitslosigkeit, Gorle- ben, Überalterung und Abwanderung.

Die ältere Luftaufnahme, die oft als Postkarte verbreitet wurde, zeigt den Rundling Schreyahn in seiner typischen Struktur von Süden her. Am unteren Rand, mit Stallungen und Nebengebäuden, ist die heutige Stipendiatenstätte zu erkennen, das Haus rechts daneben wurde abgerissen.

Die ältere Luftaufnahme, die oft als Postkarte verbreitet wurde, zeigt den Rundling Schreyahn in seiner typischen Struktur von Süden her. Am unteren Rand, mit Stallungen und Nebengebäuden, ist die heutige Stipendiatenstätte zu erkennen, das Haus rechts daneben wurde abgerissen.

Künstlerhof im Bauernhaus

Der Blick des Gastes bleibt daher an einem weißem Emailleschild hinter der verglasten großen Tür des Hauses Nummer 19 hängen: „Künstlerhof Schreyahn“, ein Name fast wie ein Fremdkörper. Nun ist der Kulturtourist mittlerweile daran gewöhnt, dass Festivals auf dem Lande ihre Gäste in die Scheunen und Remisen bitten: „Mozart im Schafstall“ oder „Beethoven auf dem Bauernhof“ heißt es dann, oder „Poeten in der Scheune“ und „Lyrik auf der Tenne“. Der heimliche Verdacht unseres Schreyahn-Be- suchers, dass er auch hier auf ein Exemplar jener grassie- renden Event-Kultur gestoßen ist, die das originelle, unge- wöhnliche Ambiente höher schätzt als die Kernqualität des Gebotenen, wird schnell ausgeräumt, wenn er die „Nie- dersächsische Stipendiatenstätte Künstlerhof Schreyahn“, so der offizielle Titel, betritt und erkundet (gern führen die Verantwortlichen Gruppen durch Haus und Hof).

Schon der zentrale Saal im das Dorfbild prägenden Voll- hufner-Haus zeigt den Reiz der Bildungsstätte. Wo einst das „Muh“ der in den Abseiten stehenden Kühe das ewige Wiederkäuen unterbrach, lädt nun eine umfangreiche Präsenz-Bibliothek mit den Schwerpunkten Gegenwartslitera- tur und Musik zur Entdeckung neuer geistiger Welten ein. Wo früher Heuwagen und Dreschflegel bereit standen, warten jetzt Pult und Podium, Lautsprecher und Mikro- fone sowie eine Beamer-Einrichtung auf ihren Einsatz bei Lesungen und Konzerten. An den Wänden hängt moderne Kunst, eine Wand voller Presseartikel berichtet von den vergangenen Aktivitäten.

Ein Stockwerk darüber ist es stiller, weitere Bibliotheken und Archive, Arbeitsräume und Gästezimmer haben sich auf dem Heuboden und in der Räucherkammer eingenistet. Sie werden auch als Tagungsraum mit aller notwendigen Büro-Technik genutzt. Hinzu kommt ein kontinuierlich wachsendes Archiv mit den Werken der Künstler. Die Spende des verstorbenen Hannoveraner Dichters Adam Seide brachte seiner ehemaligen Stipendiatenstätte mehre- re tausend Bände deutsche Literatur und Literaturge- schichte – ein Schatzhaus der Bücher, Partituren und Au- tografen ist unter dem Dach des Haupthauses entstanden.

Ein Hof als Tortenstück

Die Höfe der bäuerlichen Vorbesitzer öffnen sich auch heute noch vom zentralen Rundlingsplatz ausgehend wie Tortenstücke weit in die Tiefe. Hinterm Haupthaus stehen Altenteil, Backhaus und Schweinestall um den Innenhof, ein Bauerngarten und ein abschließender, schützender Eichenwald runden den Besitz ab. Der Künstlerhof er- gänzte dieses Ensemble durch ein neues, aber ebenfalls Fachwerk zeigendes Ateliergebäude, im dem die beiden Schriftsteller untergekommen sind.

Die Komponisten arbeiten im ehemaligen Altenteil und im Backhaus, das zukünftig auch als Gästehaus für Wis- senschaftler und Tourismusexperten dienen soll. Ein Künstler-Leben in der Stille eines Dorfes, aus der Groß- stadt in die (täuschende) ländliche Idylle, großzügige Ate- liers mit Nachtigallen, Kranichen, Fröschen und frischer Milch direkt vom Euter der Kuh im Nachbarstall? Kann das gut gehen? Zur Beantwortung lohnt ein Blick hinter die Kulissen, erhellend, manchmal auch ernüchternd, aber stets aktuell und präsent, denn mit jedem Künstler, der den Hof betritt, beginnt immer wieder neu ein intellektuelles Abenteuer, angesiedelt zwischen Kreativität und Tradi- tion, Beständigkeit und Avantgarde, Scholle und Schreib- tisch.

Schwierige Anfänge

Ein Satz aus den Gründertagen des Künstlerhofes um 1980 spricht da Bände. Der Stadtdirektor von Lüchow sprach damals von der neuen Aufgabe der Stipendiatenstätte, „Kunstschaffenden die Möglichkeit zu bieten, in reizvoller landschaftlicher Umgebung eine Zeitlang ohne wirtschaft- liche Belastungen wirken zu können“. Zugleich „dient sie auch dem Ziel, in geeigneter Weise Kontakte zwischen den Künstlern und der Bevölkerung herzustellen und zu för- dern.“

Diese kulturelle „Urbarmachung“ des Wendlandes traf allerdings auf keinen Urwald oder eine Kulturwüste. Die Region verfügte damals schon über intakte Kulturringe und bekannte Musikfestivals, und mit den Künstlergrup- pen „G“ in Göhrde oder dem Prießecker Kreis war auch die Kultur der Gegenwart vertreten, zumal mit dem Maler Uwe Bremer und dem Schriftsteller Nicolas Born und an- deren in den siebziger Jahren ein neuer Schub von auswär- tigen Künstlern ins Wendland kam. Aber der Künstlerhof Schreyahn sollte sich als ein anders gelagertes Projekt mit neuem Profil erweisen.

Die Idee der zuständigen Bezirksregierung Lüneburg, im sog. „Müller-Heidelberg-Plan“ eine Stipendiatenstätte im Rundling Schreyahn einzurichten, war damals ein mehr- fach heikles Untenehmen. Der durch Zonengrenze und Gorlebenkonflikt mehrfach belastete Landstrich war abseits gelegen, arm, bevölkerungsschwach und überal- tert. Man verspottete ihn nach den Anfangsbuchstaben sei- nes Autokennzeichens DAN mit „Die Armen Nachbarn“ – und hier sollte nun moderne Kunst einziehen?

Neubau – Umbau – Ausbau

Das leer stehende Haus Techand, dieser für die Region charakteristische Bauernhof auf dem knapp 16.000 Qua- dratmeter großen Grundstück, sollte als „bedeutendes Baudenkmal“ erhalten werden, das ehemalige Gehöft eine „beispielhafte neue Nutzung“ erfahren. Und die enge Nachbarschaft mit den Künstlern, die hier, so hoffte man, „auf die realistische Welt der Dorfbewohner“ traf, sollte die „Bildungsmöglichkeiten“ der Einwohner verbessern – ein kleines kulturelles Himmelfahrtskommando also. Nun wurde ausgebaut, umgebaut, neu gebaut. 1980 übergab man das fertige Haupthaus offiziell dem Ministerium für Wissenschaft und Kultur: 1982 kam das „Backhaus“ ne- benan als neues, viertes Atelier für Musiker hinzu, und 1992 entstand der Neubau im hinteren Garten für zwei Schriftsteller-Ateliers. Insgesamt kamen rund 2 Millionen DM Baukosten zusammen, getragen von Bundes- und Landesmitteln, von der Samtgemeinde Lüchow und der Stadt Wustrow, Träger der Stätte ist die Samtgemeinde Lüchow, auch das lenkende und leitende Kuratorium ist kommunalpolitisch besetzt.

Das Haus erlebte 1992 eine einschneidende Verände- rung, als durch nicht abzustellende Lärmbelästigungen die zwei nebeneinander liegenden Ateliers des ersten Stock- werkes vom Haupthaus in den Neubau verlegt wurden mussten. Doch was sich als nachträgliche Korrektur dar- stellte, erwies sich als Chance für die Zukunft, die jetzt leeren Räume wurden bald mit neuem Leben gefüllt.

2003 waren der Schriftsteller Andreas Maier und die Komponistin Hyunkyunk Lim Stipendiaten im Künstler- hof Schreyahn

2013 waren der Schriftsteller Andreas Maier und die Komponistin Hyunkyunk Lim Stipendiaten im Künstler- hof Schreyahn

Professionalisierung und Protest

Die wachsende, umfassender und auch nach außen hin immer präsenter werdende Bildungsstätte konnte nun nicht länger sich selbst überlassen bleiben. 1997 wurde per Werkvertrag für den Künstlerhof eine Leitungsstelle mit der Aufgabe eingerichtet, die eingeladenen Dichter und Musiker sowie das Haus samt seinen Einrichtungen zu pflegen, Kontakt zur Presse aufzunehmen und Veranstal- tungen zu organisieren. Es war ein Schritt zur Profes- sionalisierung, den das Land Niedersachsen bei allen ihr zugehörenden Stipendiatenstätten vornahm. Es ist hier in Schreyahn eine Aufgabe, die über das Kulturmanagement hinaus gehend Aspekte eines Büroleiters, Archivars, Pres- sesprechers, Hausmeisters, Reiseführers, Herbergsvaters, Krankenpflegers, Seelsorgers, Beichtvaters, Beraters, Kri- tikers, Schlichters, Moderators und Krisenmanagers hat, 2013 wurde die Leitungsspitze daher doppelt besetzt. We- nige Arbeitsplätze sind so abwechslungsreich und aufre- gend wie dieser. Er wurde geschaffen, nachdem die Still- legungspläne des MWK aus dem Jahre 1995 am entschie- denen Protest der Bürger und Künstler gescheitert waren. Die damalige Kulturministerin, Helga Schuchardt, bekam eine Protestresolution zugeschickt, die von ausnahmslos allen Bundes- und Landtagsabgeordneten der Region aus allen Parteien unterzeichnet war, dazu vom Landrat und Oberkreisdirektor, von allen Kultureinrichtungen der Re- gion und allen Bürgermeistern, ergänzt durch Prominenz wie dem Schriftsteller Erich Loest, damals Vorsitzender des Verbandes deutscher Schriftsteller, dem Vorsitzenden des Literaturzentrums Hamburg oder dem Musik-Profes- sor Helmut Lachenmann. Das MWK verzichtete danach auf die geplante Stilllegung und versprach angesichts der „breiten Resonanz, die wieder einmal die Bedeutung der Stipendiatenstätte deutlich werden ließ“, die Erhaltung und Unterstützung Schreyahns für die Zukunft.

Dorf und Nachbarn

Doch zurück zu den Anfängen: Die 71 Einwohner des Dorfes Schreyahn waren die ersten Ansprechpartner: Sie sollten sich mit den neuen Nachbarn auf Zeit arrangieren, sich zusammensetzen, womöglich zusammenarbeiten und – besonders wichtig – feiern. Das war anfangs schwer. Zwei Welten prallten aufeinander: die der regelmäßigen, jahreszeitlich festgelegten Arbeitszeiten der Landwirte und die der unregelmäßigen, der Eingebung folgenden Kreativitätsschübe der Künstler. Konkret: die einen mach- ten früh abends das Licht aus und frühmorgens wieder an, die anderen taten es umgekehrt.

Das Stipendiatenhaus in Schreyahn

Das Stipendiatenhaus in Schreyahn

Anfängliche Reibereien, verständnisloses Kopfschütteln, skeptische Nachfragen und politische Andeutungen blieben so nicht aus. Es be- durfte einiger Zeit, doch die letzten Jahrzehnte sind ge- prägt von einer harmonischen Nachbarschaft. Die Dorf- gemeinschaft ist – auch als Verein organisiert – ein ver- lässlicher Freund des Hauses geworden, sie pflegt, ver- traglich abgesichert, die Grünanlagen und Obstbäume, sie bekocht und bewirtet bei größeren Besuchen, packt bei anfallenden Reparaturen an und springt bei manchen Nö- ten der Gäste ein. Die Stipendiaten genießen das Dorf- leben, holen sich vom nebenan gelegenen Hof Oelke Milch frisch von der Kuh und fahren mit den Nachbarn in die Kreisstadt zum Einkaufen oder zum Doktor. Wer als Stipendiat des Künstlerhofes beim traditionellen Dorf- fegen dabei ist und mit Besen und Bier standfest umgehen kann, der wird „eingemeindet.“

Ein „Schnack“ auf der Lichtung

Der Schriftsteller Andreas Maier, ein großer Freund der Rundlingsgemeinschaft und mittlerweile zum zweiten Mal Gast in Schreyahn, berichtete in der FAZ (Ausgabe vom 11. November 2004) unter der Rubrik „Stadt Land Fluss“ so: „Die Stadt ist ein Dorf und heißt Schreyahn. Das ist ein Rundling im hannoverschen Wendland. Ein Rundling ist eine frühere Siedlungsform der Wenden, jahrhundertealt. Eine Handvoll Häuser wird um einen runden Platz herum gebaut, die Häuser mit ihren Scheunentoren zum Mittel- platz hin. Dieser runde, freigelassene Platz heißt „Dorf“. Man geht aufs Dorf heißt: Man geht die achtzig Schritte hinaus auf diesen Platz. Dort findet das soziale Leben der Dörfler statt, wobei der Ausdruck „soziales Leben“ irgend- wie unpassend ist, denn das „soziale Leben“ der Schrey- ahner ist viel älter als der Ausdruck selbst. Nennen wir es einfach: Leben. Im Sommer sitzen sie am alten Milchtisch unter den Eichen und trinken Bier und essen Würstchen. Erst mit der Zeit merkt man, wie wichtig ihnen das ist. Das heißt, den Männern. Die Frauen hassen es mitunter, dass die Männer aufs Dorf gehen. Zu Hause die Kinder, aber die Männer müssen aufs Dorf! Müssen es mähen, müssen die Zäune streichen, müssen die Straße fegen, das Laub zusammenklauben, müssen auf die Dorfversammlung (beim Milchtisch), müssen zum Frühschoppen. Oder müs- sen den Rasenmäher reparieren (Keilriemen kaputt) oder müssen noch mal zum Nachbarn. Oder müssen heute unbedingt ein Fass aufmachen. Schreyahner Sprachkunde: „Ich habe mit dem noch ein Fass aufzumachen“ heißt: Man hat mit ihm noch was zu regeln. „Das ist ein anderer Schnack“ heißt: Das ist ein anderes Thema. Zur Begrü- ßung oder beim ersten Anstoßen sagt man: „Vertragen wir uns wieder.“ Die Antwort lautet: „War nicht so gemeint.“

Und der Schriftsteller Arnold Stadler, damals frisch erko- rener Büchner-Preisträger, änderte seinen Lebensplan und zog nach seinem Stipendium im Jahr 2000 ins Wendland, animiert durch Schreyahn: „Dorthin wirst du ziehen, zu den Nachtigallen und Paradiesvögeln, in den Norden, eine Gegend, die du zum ersten Mal erst betreten hast vor nicht einem Jahr, dorthin und nicht in den Süden, Rom, Westen oder sonstwohin, wo du ein Leben lang leben wolltet und wofür es nun zu spät war — seit diesem unvergleichlichen Frühjahr des Jahres 2000 —- in Schreyahn. Kurze Orts- beschreibung. Kurzer Ortsbeschreibungsversuch. Schrey- ahn. Der Ort könnte auch Adsum heißen, auf deutsch: Ich bin da. Kindheit, das heißt doch auch: das erste Mal hin- fallen. Erinnerung an den ersten Schmerz und Schnee und so fort. Hier aber von all dem nichts. Von keinem Vorge- danken beschwert oder betrübt. Gegenwart eines Urwal- des, wie im Urwald so im Frühjahr 2000. Und so sein und bleiben …

Jetzt weiß ich auch, warum es mir so gefällt in Schrey- ahn. Weil mich dieser Ort an eine Lichtung im Urwald erinnert, an einen Ort, der immer war und nie. So könnte

auch das Paradies umschrieben werden als Mittelpunkt der Welt mit Häusern zum Wohnen und einer Wiese, einem freien Feld als leerer Mitte eine Lichtung im Dschungel dichtes Grün bis an die Hausmauern und nachts die Sterne und Nachtigallen und die Illusion, dass es immer so weitergeht, wohl wissend, dass dies nicht sein kann mit dem lebendigsten, undurchdringlichsten Grün. Mit diesen Vogelstimmen, den Nachtigallen und den Amseln und allem, „was noch heißt, daß es nicht bleibt“, wie ich sie in den verschiedenen Urwäldern dieser Welt gehört habe, am Mekong, am Amazonas und nun unweit der Elbe, von Ni- colas Born und den Nachtigallen besungen.

Den Rest des Sommers habe ich Immobilien-Anzeigen studiert.“

Idylle und Kooperative

Aber wer sind die Gäste, die so genau beobachten, sich so begeistern? Jeweils vier Künstler sind zur gleichen Zeit da, zwei Schriftsteller, zwei Komponisten, anfangs durchge- hend für neun Monate, später wahlweise auch für drei oder sechs Monate zu Gast. Ausgewählt hat sie der sechsköpfi- ge Jury-Beirat, der mit großer Kompetenz und viel Sachverstand fast immer streitfrei die Künstler aus einer wach- senden Zahl von Bewerbungen ermittelt. Je nach Veranla- gung und Interesse haben die Künstler dann die Mög- lichkeit, sich in die Klausur zurückzuziehen, die das Ate- lier zur klösterlichen Zelle macht. Frei von Familie und Verpflichtungen endlich zum ungestörten Schreiben bzw. Komponieren zu kommen: ein Traum vieler Künstler – manche berichten von wahren „Schreibräuschen“, von stundenlangem Komponieren, unabhängig von der Tages- oder Nachtzeit – sie waren und sind willkommene Gäste, deren literarische und musikalische Saat erst später aufge- hen wird.

Der ehemalige Stipendiat und Lyriker Ralph Grüneberger (links) las 2011 im Künstlerhof zusammen mit seinem Kollegen Wolfgang Rischer deutsch-deutsche Gedichte zur Erinnerung an den Mauerbau in Berlin vor 50 Jahren

Der ehemalige Stipendiat und Lyriker Ralph Grüneberger (links) las 2011 im Künstlerhof zusammen mit seinem Kollegen Wolfgang Rischer deutsch-deutsche Gedichte zur Erinnerung an den Mauerbau in Berlin vor 50 Jahren

Andere wiederum erkunden das Wendland, diese ihnen neue, unbekannte Welt. Der Autor Guntram Vesper hat 1986 in einem Artikel der Zeitschrift NATUR dieser Neugierde seinen literarischen Ausdruck verliehen: „…nach allen Seiten Ebene in flachen Wellen, ein Landstrich, seitab schon früher, jetzt in den Winkel zwi- schen Elbe im Osten und noch näherer Grenze im Süden geklemmt. (…) Vom Künstlerhof haben wir dreiundacht- zig und vierundachtzig, von Sommer zu Sommer, das Wendland erkundet und erlebt. Das ging im tiefen, einma- lig verwilderten Garten mit dem Nussbaum, den Pfirsichen los. Wann hatte ich zuletzt Libellen, einen grasgrünen Laubfrosch gesehen. Und wenn man am hinteren Ende des Gartens auf die Weiden trat und zum nahen Salzsee ging, dem vollgelaufenen Mundloch eines längst stillgelegten Kalischachtes, dann kreisten vielleicht Fischadler über dem Schilf, schwamm eine Ringelnatter von Ufer zu Ufer. Auf den Wiesen eine meckernde Bekassine, am Bach un- beweglich der Reiher. Nachts Fledermäuse und Katzen. Auf dem übernächsten Dach das Storchenpaar mit den drei Jungen. Wie tief sie über den Dorfplatz schwebten, wäh- rend ich am Tisch vor der Glastür saß, mit meinen Papieren. Als wir einmal spät nachts vom Besuch bei Freunden heimkamen, der Gesang einer Nachtigall, bis zum Morgen. Entfernten wir uns weiter vom Haus und vom Dorf, machten wir längere Gänge auf die Grenze zu und an ihr entlang, im noch stilleren Südkreis, sahen wir die Störche, die Reiher im Ried, Weiden voller Kiebitze, einmal flog ein leuchtend gelber Vogel vor uns her, ein Pirol, ach ja. Endlich unsere tagelangen Wanderungen im Forst Lucie oder die Elbe entlang, auf dem Deich, zum Elbholz.“

Und wieder andere begriffen das zeitlich begrenzte Zu- sammenleben von Vertretern verschiedener Kunstrichtun- gen als große, einmalige Chance: Der Komponist Robert H. P. Platz vertonte so Gedichte seines Nachbarn Heinz Kattner, und Sven-Ingo Koch schrieb an seiner Musik zu Thomas Rosenlöchers Lyrik. Anette Schlünz verfasste das Stück „Blaulaub“ nach einem Gedicht Nicolas Borns, Tina Stroheker, die süddeutsche Autorin, schrieb einen Essay über die russische Musikerin und Schreyahner Nachbarin Sofia Gubaidulina. Oft treten sie zusammen auf, bei den „Abenden der Stipendiaten.“ Dieses „cross over“ entwi-

ckelte sich zu einem Markenzeichen des Künstlerhofes, immer wieder schreiben die Gäste in ihren Erfahrungs- berichten von dieser Erweiterung ihres Horizontes, von Grenzüberschreitungen, die anderswo so nicht möglich gewesen wären.

Festivals, Lesungen, Konzerte

Dazu tragen auch die Veranstaltungen bei, die sich ab der Mitte der neunziger Jahre mehr und mehr im Künstlerhof etablierten, finanziell gefördert und ideell unterstützt vom neuen Förderverein Künstlerhof Schreyahn, den die Lü- chowerin Marianne Fritzen zusammen mit anderen ins Le- ben rief und der bis heute fördernd tätig ist. Schon fast legendär ist der „Schreyahner Herbst“, das Festival für moderne Musik, vom Stipendiaten Gerald Humel ins Le- ben gerufen und über Jahre hinweg mit großem Einsatz und Können geleitet, später von Robert HP Platz fortge- führt. International renommierte Ensembles und Sänger traten hier auf. Es waren Sternstunden moderner Musik und ihrer Vermittlung an ein offenes, staunend-neugieri- ges, experimentierfreudiges Publikum, das auch zahlen- mäßig wuchs.

Der „Bücherfrühling“, ein ursprünglich von der Landes- regierung initiiertes, dann aber wieder eingestelltes Fes- tival der Literatur, wurde seit 1990 hier um- und auch nach dem offiziellen Ende weiter fortgesetzt, im Jahr 2015 fin- det er zum 25. Mal statt. Theateraufführungen, themenge- bundene Lesungen, bei denen die Schauspier Wolfgang Kaven und Ingrid Birkholz als Rezitatoren glänzten, Diskussionsrunden wie die über Grass’ Geständnis seiner SS-Mitgliedschaft, spontane Lesungen atomkritischer Literatur etwa von Christa Wolf und Andreas Maier nach dem Reaktorunglück in Fukushima, Podiumsgespräche über Schreiben und Journalismus, Präsentationen neuer Bücher wie Arno Schmidts erstmals in gesetztes opus magnum „Zettels Traum“ oder die sensationellen Hambur- ger Tagebücher Ferdinand Benekes (beide Male durch Jan Philipp Reemtsma vorgestellt), aber auch „Litera-Touren“ in Städte mit kultureller Tradition wie Halberstadt oder Ratzeburg, Lübeck oder Fallersleben sind ebenso Bestand- teil wie die jährlichen Fahrten zur Leipziger Buchmesse in Kooperation mit der Lüchower Alten-Jeetzel-Buchhand- lung. Die sonntäglichen Matineen im Februar waren eben- so beliebt wie die schon angesprochenen „Abende der Sti- pendiaten“ oder die Lesungen zum Jahresausklang. Gab es anfangs noch Debatten im Kulturausschuss der Samtge- meinde Lüchow, ob die vielen Veranstaltungen die Stipen- diaten nicht in ihrer Ruhe stören würden, so überzeugte bald die Erfahrung, dass die Gäste sich auf diese Anre- gungen in ihrem Haus freuen und sich kreativ einbringen, wann und wo es passt.

Die Sommerlichen Musiktage waren 2014 zu Gast im Künstlerhof Schreyahn

Die Sommerlichen Musiktage waren 2014 zu Gast im Künstlerhof Schreyahn

Kein Wunder, dass die Stipendiaten dann auch das Haus verließen, um im Landkreis und darüber hinaus ihre Werke vorzustellen. Die Musiker zieht es dabei bis nach Hannover, etwa in die Musikhochschule, wo sie auftreten, we- sentlich inspiriert und unterstützt vom Leiter der Musik- schule Lüchow und Mitglied in der Künstlerhofjury, Gert Baumgarten. Er organisierte auch in der Reihe „Musik N 21“ das Lüchower Festival.

Die Schriftsteller nutzen die immer intensiver werdende Literaturszene im Wendland, um ihre Bücher andernorts zu präsentieren, so über viele Jahre im Begleitprogramm der „Sommerlichen Musiktage Hitzacker“, wo der Autor Arnold Stadler und andere aus ihren Werken lasen, oder auf der „Kulturellen Landpartie“. Der Lyriker Ron Wink- ler stellte seine in Schreyahn entstandenen Gedichte im Rahmen des Projektes „Elblabor 2010“ vor, das danach in Hamburgs Speicherstadt stand. Und wie eine erste Bilanz wirkte die Kolumne „Dichters Rundling“ in der Lüchower „Elbe-Jeetzel-Zeitung“ aus dem Frühjahr 2014, in der vie- le Gäste des Künstlerhofes, begleitet von weiteren Kolle- gen wie Doris Gercke und Hermann Schulz, ihre Rund- lingsimpressionen in die Formen von Gedichten, Tage- büchern, Erzählungen oder Essays gossen, um so der Bewerbung der Dörfer um den Titel des Weltkulturerbes der UNESCO Nachdruck zu verleihen.

Gäste, Partner, Förderer

Bei diesen Aktivitäten wuchs beständig die Zahl der Ko- operationspartner, mit denen der Künstlerhof verbunden war und ist. Die örtliche GEW als Lehrergewerkschaft, der „Heimatkundliche Arbeitskreis Lüchow-Dannenberg“ (HALD) und der „Wendländische Geschichts- und Al- tertumsverein“ (WGAV) seien hier stellvertretend für viele andere genannt. Die schon erwähnte Musikschule Lüchow zählt ebenso dazu wie im Bereich der Literatur die im Jahr 2000 von Christa Tornow gegründete Nicolas Born-Stiftung, die ihr Archiv hier im Haus hat und viele Veranstal- tungen finanziell unterstützt oder selbst durchführt. Mehrere Literaturwissenschaftler nutzten inzwischen die Möglichkeit, in und über Schreyahn zu forschen: Die Homepage des Künstlerhofes verzeichnet dazu in einem Register neben den unfangreichen Buchbeständen auch die wertvollen Dokumente im Archiv der Born-Stiftung, die zusammen mit dem Künstlerhof 2013 Mitglied in der „Arbeitsgemeinschaft literarischer Gesellschaften und Gedenkstätten e.V.“ (ALG) wurde.

Im Rat dieser Stiftung ist auch die Leuphana Universität Lüneburg vertreten, die jährlich literaturwissenschaftliche Konferenzen im Künstlerhof durchführt, so zu Leben und Werk des dem Wendland eng verbundenen Autors Nicolas Born (das Land Niedersachsen hat seinen Literaturpreis nach ihm benannt), dann zum Thema „Kulturraum Elbe“ und, in Kooperation mit anderen Forschungseinrichtun- gen, über das Verhältnis Borns zu dessen Kollegen Rolf Dieter Brinkmann: eine Tagung, zu der sogar Wissen- schaftler aus Korea anreisten. So intensiviert sich die Kooperation Schreyahns mit der Lüneburger Leuphana Universität, die seit den 90er Jahren per Vertrag festgelegt ist und jährlich junge Kulturwissenschaftler zu Ganz- tagsseminaren auf den Künstlerhof führt. Vernetzungen gab und gibt es auch außerhalb des Landkreises mit der VGH-Stiftung, der Lüneburgischen Landschaft, der Kon- rad-Adenauer-Stiftung in Hannover und Berlin sowie der Arno-Schmidt-Stiftung in Bargfeld.

Ingrid Birkholz, die lange Jahre am Theater der Altmark in Stendal engagiert war, las häufig auf den Matineen und Literaturfestivals im Künstlerhof, oft zusammen mit dem Schauspieler Wolfgang Kaven. Hier stellt sie Emil Zolas Mode-Roman „Paradies der Damen“ im passen- den Outfit vor

Ingrid Birkholz, die lange Jahre am Theater der Altmark in Stendal engagiert war, las häufig auf den Matineen und Literaturfestivals im Künstlerhof, oft zusammen mit dem Schauspieler Wolfgang Kaven. Hier stellt sie Emil Zolas Mode-Roman „Paradies der Damen“ im passen- den Outfit vor

Und die bundesweit präsentierte Literatur-Ausstellung „Grenzinschriften“, die auch Autographen vieler Schreyahner Autoren wie Richard Pietraß, Harald Gerlach, Uwe Herms oder Reinhard Jirgl zum Thema „Grenze und Grenzöffnung“ zeigte, führte zu einer intensiven Koope- ration mit den Partnern und Nachbarn vom IGZ aus Salzwedel. Zuletzt waren die „Grenzinschriften“ im Oktober 2014 in Hannover zum „Tag der deutschen Einheit“ zu sehen. Die niedersächsische Kulturministerin Gabriele Heinen-Kljajic nahm im Historischen Museum Hannover (HMH) die Vorstellung des an der innerdeutschen Grenze im Wendland spielenden Romans „Die Jägerin“ aus der Feder der niederländischen Stipendiatin Pauline de Bok zum Anlass nahm, um auf die anhaltende Scharnierfunk- tion des Künstlerhofes als Mittler zwischen Ost und West hinzuweisen.

Es sind oft verstörende Grenzgänge in der Literatur, sie bringen viel Verborgenes, Abseitiges zu Tage. So, wenn der Schriftsteller Guntram Vesper als Schreyahner Gast 1986 die innerdeutsche Grenze, das Ärgernis Gorleben und das 1945 zerstörte, bis heute als Ruine stehen geblie- benes Denkmal der deutschen Teilung, die Dömitzer Eisenbahnbrücke simultan setzt: „elbabwärts die beiden weit ausholenden seit Kriegsende zerstörten Brücken, die Dömitz am anderen Ufer seit über vierzig Jahren nicht mehr erreichen. Man sieht die Türme der Stadt, die Ziegel- mauern der Festung… Auf der Rückfahrt vom Elbufer kamen wir jedesmal durch Gorleben und dann an der neuen Festung des Zwischenlagers für Atommüll, an den Gittertoren und Erdwällen vorbei. Bilder aus unserer Ge- genwart, auch im Wendland. Widersprüche. Gegensätze. Um uns. In uns.“

Schüler, Wettbewerbe, Schreibwerkstätten

Ein nachhaltiges Kapitel bilden auch die Kontakte mit jun- gen Lesern aus allen Schulen. Der jährliche Vorlesewett- bewerb der Stiftung Lesen findet in Zusammenarbeit mit dem Kreisjugendpfleger und dem örtlichen Buchhandel traditionell hier im Saal statt, in der Jury sitzen dann auch die jeweiligen Stipendiaten. Und die Schüler des Gymna- siums Lüchow besuchen abends den Künstlerhof, um sich in der „Schreibwerkstatt“ am Kamin mit den Profi-Auto- ren über eigene und fremde Texte auszutauschen. In den Schulen kommen die Stipendiaten zu Wort, wenn sie in den Deutsch-Leistungskursen über moderne Literatur sprechen oder bei Präventionstagen Texte über Gewalt vorstellen und diskutieren. Das gilt auch für die Musiker, die Workshops zum Komponieren durchführen oder in den Schulen ihre Instrumente vorstellen und eigene Kompo- sitionen erläutern.

Medien und Ausblicke

Angesichts dieser Aktivitäten ist es kein Wunder, dass die Medien sich dieser Einrichtung vermehrt annehmen. Der „Schreyahner Herbst“ war regelmäßiger Gast sowohl im Deutschlandfunk als auch im NDR-Radio, wo Wend Käs- sens „Literarisches Cafe“ direkt aus dem Rundling über- tragen wurde. Immer wieder ist der Funk zu Gast, und auch die Presse druckt fortgesetzt Reportagen und Be-

richte vom Künstler-Landleben sowie Impressionen der Stipendiaten. Seien es anfangs Zeitschriften wie „NATUR“ und „GEO“, später die „HÖRZU-HEIMAT-Ausgabe von 2010 (mit einer neuen Serie über die acht schönsten deutschen Landschaften, beginnend – wo sonst? – mit dem Wend- land, das vom Karikaturisten Wolf Rüdiger Marunde und dem Künstlerhof präsentiert wird), und die „Neue Züricher Zeitung“, die „Süddeutsche“ oder die „Frankfurter All- gemeine“.

Vorrangig zu nennen ist auch die örtliche „Elbe-Jeetzel- Zeitung“, deren Redaktion über fast jeden Gast ein aus- führliches Porträt veröffentlicht und die Veranstaltungen berichtend und rezensierend begleitet. Das strahlt aus bis in die Nachbarkreise, wo besonders in Uelzen mit der Bei- lage „Der Heidewanderer“ aus der AZ und in Salzwedel mit den „Altmark-Blättern“ der Altmark-Zeitung der Künstlerhof mit seinen Werken immer wieder Beachtung findet und mit Originalbeiträgen zu Wort kommt. Der Künstlerhof ist so eine Stätte des Kommens und Gehens, des Gebens und Nehmens, des Lesen und Hörens, Schreibens und Musizierens. Die „Urbarmachung“, von der bei der Gründung die Rede war, ist erfolgt, das Feld wurde bestellt, die Ernte kann eingefahren werden. Das Wend- land ist längst keine literarische „terra incognita“ mehr. Mehr noch als in der hier entstandenen modernen Musik wurde in der Dichtung von den Stipendiaten ein ganzer Thementeppich gewebt, der in verschiedenen Formen und Gattungen das Land, seine Geschichte und Gegenwart, seine Menschen und ihre Hoffnungen oder Ängste dar- stellt. Ob im Tagebuch oder im Gedicht, in Romanen und Erzählungen, in Reiseschilderungen und Essays, kaum eine Region Deutschlands hat in den letzten drei Jahr- zehnten so viele literarische Spiegelungen erfahren, wie das Wendland. Das liegt natürlich auch an der die Künstler faszinierenden Abseitslage und dem lange Zeit daraus re- sultierenden Image des Exotentums.

Bundesweit beachtete Zustände und Ereignisse, wie die Zonengrenze und ihre Überwindung 1989 und der hochpo- litische Gorleben-Konflikt mit seinen umkämpften Castor- Transporten wurden für die Literaten zum aktuellen Thema ihrer Texte. Aber nur die in Schreyahn gegebene Möglichkeit, in einer Art „Langzeitstudie“ als Stipendiat mehr als ein Tagesbesucher in die Tiefe der vielen Themen eintauchen zu können, machte den Weg frei für bundes- weit beachtete literarische Werke. Nicht ohne Grund zäh- len zwei Büchner-Preisträger zu den Gästen des Künst- lerhofes. Die Romane Reinhard Jirgls, Andreas Maiers und Arnold Stadlers haben mehrfach das Wendland als Schauplatz, die neue Lyrik preisgekrönter Autorinnen wie Marion Poschmann oder Silke Scheuermann lässt die Prägungen der dörflichen Welt aufklingen. Niedersachsens Poeten sind mit Guntram Vesper, Heinz Kattner, Adam Seide, Klaus Dieter Brunotte, Oskar Ansull, Hannelies Taschau, Uwe Friesel oder Klaus Seehafer gut vertreten, die Autoren aus den neuen Bundesländern machen mit Thomas Rosenlöcher, Wilhelm Bartsch, Richard Pietraß, Brigitte Struzyk, Volker Harry Altwasser, Gregor Sander und Ralph Grüneberger eine beeindruckende Galerie auf, und aus dem Ausland können die Niederländerin Pauline de Bok, der Rumäniendeutsche Franz Hodjak und der aus der Mongolei stammende, aber in deutscher Sprache schreibende Galsan Tschinag genannt werden. Von ihm stammt ein Märchen, in dem Exilmongolen auf der Suche nach einer neuen Heimat eine Jurte mitten auf dem Dorf- platz von Schreyahn errichten: Den wachsenden Unmut der Ur-Einwohner kann nur ein Hund zum guten Ende dämpfen: ein Lehrstück. Der Künstlerhof sammelt und bewahrt seit Jahren diese Werke und hält weiter Kontakt zu den ehemaligen Gästen.

Konzert im Garten des Künstlerhofes (2014)

Konzert im Garten des Künstlerhofes (2014)

Doch gibt es auch Gefährdungen, die das erfolgreiche Kulturfördermodell in Frage stellen oder zumindest beein- trächtigen. Nach der erfolgten Kürzung der Gesamtzahl der zu vergebenden Stipendienmonate sollte ernstlich ge- prüft werden, ob die Förder-Dauer nicht doch wieder auf 48 Monate pro Jahr aufgestockt werden könnte, um eine ganzjährige, durchgehende Belegung der Ateliers zu errei- chen. Zu wertvoll und künstlerisch ergiebig ist hier das Nebeneinander von Musik und Dichtung, als dass man darauf langfristig verzichten sollte, und ein monatelang leer stehendes Atelier nebenan ermuntert nicht, sondern drückt die Stimmung. Doch die Schriftstellerin Marion Poschmann hält in der FAZ vom 23. Dezember 2010 mit ihrer Sicht dagegen: „Ich schrieb Gedichte in Schreyahn. Schreiben ist für Katzen uninteressant, die action fehlt ihnen, und so bemühte ich mich, ihnen in den Schreib- pausen etwas zu bieten und stieg in die Ernte ein. Ge- legentlich kamen die Schreyahner mit einer Leiter in den Künstlergarten und fuhren kurz darauf einen Anhänger voller Äpfel in die Mosterei. Ab und zu kniete ein Nachbar mit einem Korb im Gras und klaubte Walnüsse auf. Viel- leicht war es ein besonders gutes Jahr. Jedenfalls herrsch- te ein gewisser Überfluss, der nur noch schwer zu handha- ben war. Ich sammelte Fallobst auf, die Katzen kletterten animiert auf die Bäume und wieder herunter und rasten verdorbenen Früchten nach. Ich schälte die Äpfel auf der Terrasse, ich buk Apfelkuchen und kochte Apfelmus, die Katzen fühlten sich angeregt und brachten ihrerseits erleg- te Wühlmäuse herbei. Gegen Mittag besuchte mich regel- mäßig ein sehr alter Hund. Er machte auf den Höfen die Runde, stand vor der Tür, bellte würdevoll, um sich anzu- kündigen, harrte geduldig der Dinge, die da kommen wür- den, er war weise und erfahren. Ich war es weniger…“

 

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