„Kunstlerhof Schreyahn“– eine Welt in der Welt

„Künstlerhof Schreyahn“– eine Welt in der Welt Ein Porträt der Stipendiatenstätte im Wendland Von Axel Kahrs   Blickwinkel 360 Grad Wer durch die schmale Einfahrt ins Rundlingsdorf Schreyahn im Hannoverschen Wendland gelangt, muss sich erst einmal orientieren. Der kreisrunde Dorfplatz mit seinen 360 Grad ist nichts für Handykameras, man kann sich nur mit eigenen Augen und einer vollen Körperdrehung ein komplettes Bild machen von dieser geschlossenen Miniaturwelt im abgeschiedenen Winkel. Knorrige Eichen mit einer Milchbank darunter bilden den Mittelpunkt, von ihm ausgehend führen Wege zu den einheitlich gestalteten Fachwerkhäusern, allesamt mit dem Giebel zur Mitte weisend, zwischen ihnen Obstgärten, in denen Katzen streunen, die den Dorfhunden die Herrschaft auf dem Platz überlassen. Ein Storchennest zieht die Blicke der Gäste auf sich, fast stört das leise Tuckern eines Traktors, auf der Schaukel schwingen sich die Mädchen des Dorfes in luftige Höhen, nebenan bolzen die Jungen um den Fussball – eine Bilderbuchszene, die scheinbar nichts weiß von der Zonengrenzlage, von Landwirtschaftskrisen, Häuserleerstand, Arbeitslosigkeit, Gorle- ben, Überalterung und Abwanderung. Künstlerhof im Bauernhaus Der Blick des Gastes bleibt daher an einem weißem Emailleschild hinter der verglasten großen Tür des Hauses Nummer 19 hängen: „Künstlerhof Schreyahn“, ein Name fast wie ein Fremdkörper. Nun ist der Kulturtourist mittlerweile daran gewöhnt, dass Festivals auf dem Lande ihre Gäste in die Scheunen und Remisen bitten: „Mozart im Schafstall“ oder „Beethoven auf dem Bauernhof“ heißt es dann, oder „Poeten in der Scheune“ und „Lyrik auf der Tenne“. Der heimliche Verdacht unseres Schreyahn-Be- suchers, dass er auch hier auf ein Exemplar jener grassie- renden Event-Kultur gestoßen ist, die das originelle, unge- wöhnliche Ambiente höher schätzt als die Kernqualität des Gebotenen, wird schnell ausgeräumt, wenn er die „Nie- dersächsische Stipendiatenstätte Künstlerhof Schreyahn“, so der offizielle Titel, betritt und erkundet (gern führen die Verantwortlichen Gruppen durch Haus und Hof). Schon der zentrale Saal im das Dorfbild prägenden Voll- hufner-Haus zeigt den Reiz der Bildungsstätte. Wo einst das „Muh“ der in den Abseiten stehenden Kühe das ewige Wiederkäuen unterbrach, lädt nun eine umfangreiche Präsenz-Bibliothek mit den Schwerpunkten Gegenwartslitera- tur und Musik zur Entdeckung neuer geistiger Welten ein. Wo früher Heuwagen und Dreschflegel bereit standen, warten jetzt Pult und Podium, Lautsprecher und Mikro- fone sowie eine Beamer-Einrichtung auf ihren Einsatz bei Lesungen und Konzerten. An den Wänden hängt moderne Kunst, eine Wand voller Presseartikel berichtet von den vergangenen Aktivitäten. Ein Stockwerk darüber ist es stiller, weitere Bibliotheken und Archive, Arbeitsräume und Gästezimmer haben sich auf dem Heuboden und in der Räucherkammer eingenistet. Sie werden auch als Tagungsraum mit aller notwendigen Büro-Technik genutzt. Hinzu kommt ein kontinuierlich wachsendes Archiv mit den Werken der Künstler. Die Spende des verstorbenen Hannoveraner Dichters Adam Seide brachte seiner ehemaligen Stipendiatenstätte mehre- re tausend Bände deutsche Literatur und Literaturge-...

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